Wie wird Tierschutz glaubwürdig - Vortragsabend in Süßen zum Thema „Tierschutz im Gespräch zwischen Wunsch und Wirklichkeit“ am Donnerstag, 21.11.2019

 

Wie wird Tierschutz glaubwürdig? Süßen Mit dieser Frage beschäftigte sich am vergangenen Donnerstag Bernd Kraft, der Vorsitzende des Evangelischen Bauernwerks bei einem Vortragsabend in Süßen zum Thema „Tierschutz im Gespräch zwischen Wunsch und Wirklichkeit“ zu dem der Kreisbauernverband, der Verein für landwirtschaftliche Fachbildung und die Landfrauen sowie das Evangelische Bauernwerk im Bezirk Geislingen und Göppingen in das Gasthaus Hirsch eingeladen hatten.

 

Das Thema erwies sich als hochaktuell, weil am erst am Dienstag die Tierrechtsorganisation PETA im Namen von kastrierten Ferkeln beim Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe Verfassungsklage eingelegt hatte. Bernd Kraft schilderte zunächst die Veränderungen in der Landwirtschaft in den letzten 50 Jahren mit einem immensen Schrumpfungs- und Konzentrationsprozess besonders in der Nutztierhaltung, der von der Bevölkerung in diesem Ausmaß nicht bemerkt wurde und wird. Er bewirtschaftet selbst einen eigenen landwirtschaftlichen Betrieb mit Schweinemast. Traditionelle Gemischtbetriebe sind spezialisierten Produktionsstätten für Milch oder Fleisch gewichen, wesentlich weniger Betriebe erzeugen heute mit etwas weniger Tieren trotzdem große Mengen an Lebensmitteln. Viele positive Effekte brachte dieses Wachstum. Arbeitskräfte wurden in der Landwirtschaft freigesetzt, die Technisierung und Rationalisierung erhöhte die Arbeitsproduktivität und sorgte für Wohlstand. Wohlstand auch wegen der konstant niedrigen Preise für Lebensmittel in Deutschland, die an Knappheit nicht im Entferntesten denken lassen. Die Kehrseite dieser Medaille ist jedoch der Zwang der Bäuerinnen und Bauern zu immer noch größeren Ställen und Tierbeständen. Auch die Entfremdung der Menschen von der Produktion wächst im gleichen Maß. Bernd Kraft stand vor 15 Jahren selbst vor der Entscheidung für wie viele Tiere und in welcher Stallform am besten zu bauen ist. Schon damals wurden alternative Stallformen mit Außenklima erprobt und gebaut, die er ebenfalls schätzt. Er entschied sich jedoch für eine konventionelle Haltung mit hohem technischem Standard an Entmistung, Lüftung und Fütterung. Sein Maßstab ist die Tiergesundheit als Grundlage für hohe Leistungen und Erträge, die er ohne oder mit nur seltenem Einsatz von Medikamenten erreicht. „Ganz vermeiden lässt sich ein geringer Prozentsatz an kranken Tieren auch in der besten Haltung nicht“. Er freut sich, dass immer wieder Besuchergruppen, für die er die Stalltür öffnet, überrascht sind und zum Überdenken von Vorurteilen und Wunschvorstellungen kommen. Wovon der Verbraucher träumt, ist nämlich das Tier in idyllischer Umgebung am besten auf der Weide und in kleiner Anzahl. Es soll ihm gut gehen und körperlich möglichst unversehrt bleiben, was die Akzeptanz von Kastration, Kupieren von Schwänzen, Enthornen und am Ende die Schlachtung in Frage stellt und erschwert. Da die Landwirte mittlerweile eine kleine Minderheit von weniger als 2 % der Bevölkerung sind, sind ihre Möglichkeiten der Kommunikation und Argumentation auch auf der Entscheidungsebene begrenzt. Einschränkungen und Erschwernisse der Tierhaltung auf Druck der Gesellschaft scheinen unumkehrbar zu sein.

In der anschließenden Diskussion, die Dr. Ralf Over vom Landwirtschaftsamt Göppingen moderierte, beklagten die zahlreich anwesenden Landwirtinnen und Landwirte diese Entwicklung, berichteten aber auch von ähnlich positiven Erfahrungen mit Verbraucherinnen und Verbrauchern. Zahlreiche Angebote wie der immer gut besuchte Tag des offenen Hofes, der Lernort Bauernhof oder gar ein Workshop zur Käseherstellung stoßen auf große Resonanz. Bei solchen Anlässen gibt es durchweg ehrliches Interesse und nachhaltige positive Eindrücke. Dies könnte mit mehr Aufklärung im Schulbereich unterstützt werden. Das Problem sei ja der Mangel an Interesse und Information bei einem Großteil der Bevölkerung, dass höhere Ansprüche auch bezahlt werden müssen. Ob politisch die gewünschten höheren Standards mit Direktzahlungen bezahlt werden können, ist in der Diskussion. Meist ist denjenigen, die Tierställe mit Auslaufhaltung fordern auch nicht klar, dass diese emissionstechnisch schwierig sind, gerade im hiesigen Ballungsraum. Auch hier zeigt sich die Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Forderungen aus Natur-und Tierschutzverbänden finden Zuspruch, aber sie klammern den Schutz eines ganzen Berufsstandes aus.

Bäuerinnen und Bauern wünschen sich auch die Unterstützung von kirchlicher Seite und leiden darunter, wenn zum Beispiel an der Evang. Akademie in Bad Boll Tagungen mit dem Titel: „ Wie kommt der Tierschutz in den Stall?“ angeboten werden. Wenn Tierhalter unter Generalverdacht geraten, aber Stalleinbrüche legitim sind, fragen sich Menschen in der Landwirtschaft, ob Recht und Gesetz geschützt sind und wen sie als Fürsprecher haben. Die Anzahl der schwarzen Schafe in der Branche ist klein, aber das Interesse an Skandalen groß. Polemik und pauschale Beschuldigungen sollten jedoch ausbleiben, war der dringende und deutliche Wunsch. Die Diskrepanz zwischen öffentlicher Meinung und veröffentlichter Meinung wurde festgestellt. Nicht übereinander, sondern miteinander zu reden soll helfen. Die Bereitschaft und das Interesse an vertrauensbildenden Maßnahmen ist vorhanden und sie können eine Brücke bilden zwischen der Realität und dem Traum von einer möglichst heilen Tier-Welt. Eine Brücke, die von beiden Seiten beschritten werden muss.

Renate Wittlinger, 23.11.2019

Schlat: Großes Interesse am Baltikum

Zahlreiche Besucherinnen und Besucher ( ca. 60) kamen am Sonntag, den 17. März 2019 in das Evangelische Gemeindehaus nach Schlat.

Sie waren der Einladung des Evangelischen Bauernwerks im Bezirk Göppingen und Geislingen gefolgt, um Eindrücke der Studienreise nach Lettland und Estland zu gewinnen.

Ortspfarrer Bernd Mayer, der demnächst auch das momentan vakante Amt des Bezirksbauernpfarrers für Göppingen übernehmen wird, begrüßte die Gäste und freute sich wie die Bezirksarbeitskreise über das große Interesse.Bildungsreferentin Renate Wittlinger bestätigte dies und wies auf das ureigene Bestreben des Ev. Bauernwerks hin, über die eigene Stalltür und eigenen Tellerrand hinaus zu schauen. Sie dankte Vertrauensmann Otto Keyl für seine Bereitschaft, seine Eindrücke der Reise nach Lettland und Estland im Juni 2018 weiterzugeben. Sie verwies auch auf den Bericht von Melanie Läpple im Jahresbrief 2018.

Otto Keyl beleuchtete nicht nur die Landwirtschaft in den beiden Ländern, sondern ging auch auf die bewegte Geschichte der beiden Länder ein. Seit dem 12. Jahrhundert haben die Deutschen im Baltikum eine große Rolle gespielt. Durch die Hansestadt Riga, die Reformation und deutschen Großgrundbesitz wurde der Einfluss gestärkt und bewahrt. Die Unabhängigkeit von Russland war und ist der baltischen Bevölkerung ein großes Anliegen, sie wurde erstmalig 1921 international anerkannt und 1991 kam es im Zuge von Glasnost zu einer erneuten Unabhängigkeitserklärung. Lettland und Estland sind dankbar für die Aufnahme in die EU in 2004 und den damit verbundenen Zahlungen und haben 2014 den Euro eingeführt.

Verschiedene große und kleine landwirtschaftliche Betriebe wurden auf der Reise besichtigt und vorgestellt. In den großen Betrieben sind deutsche Produkte der Landtechnik und des Pflanzenschutzes überall präsent. Positiv auffallend ist die große Liebe zur Musik und besonders zum Chorgesang und der Wahrung des Volksliedgutes, besonders in Estland.

Durch die große Gastfreundschaft im Baltikum wurde die Reise zu einem besonderen und unvergesslichen Erlebnis und die Besucherinnen und Besucher des Familiennachmittags nahmen am Bericht von Otto Keyl erfreut Anteil.

Musikalisch schön umrahmt und begleitet wurde der Nachmittag von Angelika Unger am Klavier.

Bezirksbauernpfarrer Georg Braunmüller gab zum Abschluss mit auf den Weg, in der Passionszeit zu prüfen, was der Mittelpunkt unseres Lebens ist.

Bildnachweis: Renate Wittlinger, Evangelisches Bauernwerk in Württemberg e.V.