Verabschiedung von Herrn Pfarrer Dr. Drescher-Pfeiffer

Am 7. Februar 2016 wurde Pfarrer Dr. Karl-Heinz Drescher-Pfeiffer in einem Festgottesdienst in der St. Gallus Kirche in Bad Überkingen offiziell in den Ruhestand verabschiedet.

Der Gottesdienst stand unter dem Zeichen von Prediger 3,1 „Alles hat seine Zeit und jegliches Vornehmen unter dem Himmel seine Stunde“. In seiner Predigt ging Herr Pfarrer Dr. Drescher-Pfeiffer auch auf die Gesichtspunkte des Ausscheiden "dürfen und müssen" aus dem hauptberuflichen Pfarrdienst ein. Den emotionalen Abschluss des Festgottesdienstes bereitete Dekan Martin Elsässer mit seiner Rede. Musikalisch umrahmt wurde der Gottesdienst vom Kirchenchor unter der Leitung von Hans-Martin Kröner.

Im Anschluss an den Festgottesdienst lud der Kirchengemeinderat Bad Überkingen zum Festakt in das Gemeindehaus ein. Ein kurzweiliges Programm mit Grußworten, musikalischen Beiträgen durch die Kinderkirche/Jungschar und der Musikabteilung des TSV Bad Überkingen.

Herr Bürgermeister Heim blickte auf die Zeit der gemeinsamen Arbeit zwischen bürgerlicher und kirchlicher Gemeinde zurück. Ein Höhepunkt war das selbstgedichtete Lied seiner PfarrerskollegInnen aus dem Distrikt oberes Filstal, welche ein selbst gedichtetes Lied auf die Melodie „ wer nur den lieben Gott lässt walten“ darboten. Ein besonderes Grußwort erhielt er durch den Kirchengemeinderat Bad Überkingen, welcher aus Prediger 3,1 teilweise humoristische und auch kritische Vergleiche darlegte. Neben vielen Abschiedspräsenten, die er erhielt, erfreute sich Pfarrer Dr. Drescher-Pfeiffer besonders an einer neuen Instrumententasche seiner Zugposaune, die er mit Leidenschaft in der Musikabteilung Bad Überkingen spielt. Viele Wegbegleiter wollten sich persönlich bei Pfarrer Dr. Drescher-Pfeiffer verabschieden, sodass die Anzahl der Grußworte immerhin auf sieben Redebeiträge anwuchs. Dies hinterließ bei dem Jungpensionär sichtlich Spuren, in dem er mit den Worten:“ Ich bin jetzt doch etwas erschlagen“ seine Abschlussrede begann.

Schlussendlich wurde dann zum Buffet geladen, dass der Kirchengemeinderat bereit gestellt hat.

Die Gesamtkirchengemeinde Bad Überkingen wünscht Herrn Pfarrer Dr. Drescher-Pfeiffer für den Ruhestand alles erdenklich Gute und Gottes Segen auf all seinen Wegen und freut sich auch auf zukünftige Besuche von ihm in seiner ehemaligen Gemeinde.

Festakt im Evangelischen Gemeindhaus

Predigt von Herrn Pfarrer Dr. Drescher-Pfeiffer am 07.02.2016

Predigt zu Prediger 3,1-15

Alles hat seine Zeit

Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde: geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit; töten hat seine Zeit, heilen hat seine Zeit; abbrechen hat seine Zeit, bauen hat seine Zeit; weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit; klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit; Steine wegwerfen hat seine Zeit, Steine sammeln hat seine Zeit; herzen hat seine Zeit, aufhören zu herzen hat seine Zeit; suchen hat seine Zeit, verlieren hat seine Zeit; behalten hat seine Zeit, wegwerfen hat seine Zeit; zerreißen hat seine Zeit, zunähen hat seine Zeit; schweigen hat seine Zeit, reden hat seine Zeit; lieben hat seine Zeit, hassen hat seine Zeit; Streit hat seine Zeit, Friede hat seine Zeit. Man mühe sich ab, wie man will, so hat man keinen Gewinn davon. Ich sah die Arbeit, die Gott den Menschen gegeben hat, dass sie sich damit plagen. Er hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt; nur dass der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende. Da merkte ich, dass es nichts Besseres dabei gibt als fröhlich sein und sich gütlich tun in seinem Leben. Denn ein Mensch, der da isst und trinkt und hat guten Mut bei all seinem Mühen, das ist eine Gabe Gottes. Ich merkte, dass alles, was Gott tut, das besteht für ewig; man kann nichts dazutun noch wegtun. Das alles tut Gott, dass man sich vor ihm fürchten soll. Was geschieht, das ist schon längst gewesen, und was sein wird, ist auch schon längst gewesen; und Gott holt wieder hervor, was vergangen ist.

 

Liebe Schwestern und Brüder,

alles hat seine Zeit – mit der Gestaltung der Einladungskarte zu dem heutigen Gottesdienst hat der Überkinger KGR praktisch auch den Predigttext vorgegeben. Es ist ein schöner Abschnitt aus dem alttestamentlichen Buch Prediger Salomo. Dies Buch gehört zur sog. Weisheitsliteratur im AT. Die Menschen stellten Regeln auf, um zu erkennen, wie das Leben im Allgemeinen funktioniert und wie man im Besonderen den Willen Gottes erkennen kann. Eine solche Regel beschrieb etwa den Zusammenhang zwischen Tun und Ergehen. In Psalm 1 heißt es „Wohl dem, der nicht wandelt im Rat der Gottlosen …sondern hat seine Lust am Gesetz des Herrn…der ist wie ein Baum, …gepflanzt an den Wasserbächen, der seine Frucht bringt zu seiner Zeit…und was er macht, das gerät wohl.“

Mit dem Erleben der Zeit ist das ja so eine Sache. Die Menschen des alten Bundes erlebten die Zeit im Rhythmus des Jahres als gleichmäßige Wiederkehr von Ritualen. Die Prophezeiungen der Propheten des alten Bundes führten zur Entwicklung eines linear verlaufenden Zeitverständnisses, weil die Geschichte mit der endgültigen Aufrichtung der Herrschaft Gottes nicht nur zu einem Ende, sondern auch zu einem Ziel gelangen wird. Wir leben nicht nur in der Gegenwart, wir haben eine persönliche und eine kollektive Vergangenheit, die oft nur unbewusst wirkt, und wir erwarten eine oft bessere Zukunft. Neben den mehr oder minder realen Fakten gibt es den Modus der Möglichkeit.

Alles hat seine Zeit – das ist auch eine Regel der frühen Weisheit. Die Zeit für das Säen ist meist im Frühjahr und die für die Ernte der Früchte eher im Herbst. Auch im persönlichen Leben kann man das feststellen, dass jetzt etwas für einen selber dran ist. Durch den Lauf des Jahres oder durch biografische Ereignisse wie Konfirmation oder Schulabschluss oder Hochzeit kann man merken, dass etwas jetzt dran ist. Zu wissen, was ansteht, bedeutet auch, den richtigen Zeitpunkt zu kennen, damit das entsprechende Vorhaben auch gelingt. Dabei gibt es auch Ungleichzeitigkeiten. Was für mich ansteht, muss für Sie noch lange nicht dran sein. Dies Zeitverständnis wirkte auch im neuen Testament fort. Paulus schreibt „Als die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn.“ (Gal.4,4) Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, Wirklichkeit und Möglichkeit geschehen für uns neben- oder nacheinander. Sie sind in Gottes Ewigkeit eine Einheit und gleichzeitig.

Alles hat seine Zeit. Das meint heute mein Ausscheiden aus dem aktiven Pfarrdienst. Seit dem 1.2.2016 muss ich nicht mehr arbeiten, bin ich frei von den damit verbundenen Zwängen. Gleichzeitig darf ich aber auch nicht mehr hauptberuflich als Pfarrer arbeiten, ist mir die Anerkennung und Wertschätzung verwehrt, die damit verbunden ist. Natürlich ist ehrenamtlich viel möglich und erforderlich, damit unser Zusammenleben und unsere Gesellschaft überhaupt funktionieren können. Das ist nicht nur eine Qualität unserer Gesellschaft. Ehrenamtlicher Arbeit ist aber etwas anderes. Das macht die Ambivalenz aus, die diesem Vorgang nicht nur für mich inne liegt.

Insgesamt war es und hätte es noch länger eine gute Zeit für mich in und um Bad Überkingen sein können. Natürlich bin ich froh, Manches nicht mehr machen oder manchen Menschen begegnen zu müssen. Sicher werden auch unter Ihnen einige froh sein, dass meine Dienstzeit hier zu Ende ist.

Ist der Beschluss, dass meine Dienstzeit am 31.1. geendet hat, göttlichem Ratschluss entsprungen oder ist das nur eine Festlegung dieser Behörde da auf der Stuttgarter Gänsheide? Zunächst mal ist das ein formaler Akt, der nach den staatlich festgelegten Arbeitsrechtsregelungen funktioniert. An vielen Stellen nutzt die Kirche die Freiheit gar nicht, die sie haben könnte.

Andererseits fasst Jesus die göttlichen Gebote im Doppelgebot der Liebe zusammen: „Du sollst lieben Gott, deinen Herrn, von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deinem Verstand. Das ist das vornehmste und größte Gebot. Das andere ist dem aber gleich: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ Wenn Gott der Herr unseres Lebens ist (erstes Gebot ich bin der Herr, dein Gott...) und wenn er uns immer und überall begleiten kann und soll, dann kann es doch keinen Bereich des Lebens geben, der nichts mit dem Glauben zu tun hat. Der frühere Kirchenpräsident von Hessen-Nassau, Martin Niemöller meinte einmal, wir sollten für unseren Alltag uns immer wieder fragen, was Jesus denn dazu sagen würde, sagen würde zu dem, was wir denken, sagen, tun oder unterlassen. Würde er es gut finden, wenn wir bei rot über die Ampel fahren, in der Steuerklärung falsche Angaben machen, dass wir automatisch mit 65 Jahren in den Ruhestand müssen? Ich hätte mir gewünscht, dass ich freiwillig und in reduziertem Umfang auch weiterarbeiten dürfte mit anteiligem Verdienst und anteiliger Pension.

Alles hat seine Zeit. Etwas, was gerade auch ansteht, wenn auch nicht heute und nicht bei uns Protestanten, ist der Fasching. Dazu lese ich Ausschnitte aus dem Brief eines Studenten, den der Psychologe Tobias Brocher einmal veröffentlichte: „Bitte höre, was ich nicht sage. Lass dich nicht von mir narren. Lass dich nicht durch das Gesicht täuschen, das ich mache. Denn ich trage tausend Masken, Masken die ich fürchte abzulegen. Und keine davon bin ich. So zu tun als ob ist eine Kunst, die mir zur zweiten Natur wurde. Ich mache den Eindruck, als sei ich umgänglich, als sei alles sonnig und heiter in mir, als könne ich über alles bestimmen, über allen Dingen stehen, so als bräuchte ich niemanden. Aber glaube mir bitte nicht! Mein Äußeres mag sicher erscheinen, aber es ist eine Maske. Darunter ist nichts Entsprechendes. Darunter bin ich, wie ich wirklich bin: verwirrt, in Furcht und allein...Beim bloßen Gedanken an meine Schwächen bekomme ich Panik…Ich möchte nicht, dass es irgendjemand merkt. Deshalb erfinde ich eine lässige, kluge Fassade, die mich vor dem wissenden Blick sichert, der mich erkennen würde. Dabei wäre dieser Blick gerade meine Rettung, und ich weiß es. Wenn er verbunden wäre mit Angenommen werden, mit Liebe. Das ist das einzige, das mir die Sicherheit geben würde, die ich mir selbst nicht geben kann: dass ich wirklich etwas wert bin. Aber das sage ich dir nicht. Ich habe angst davor, dass dein Blick nicht von Annahme und Liebe begleitet wird.“

Alles hat seine Zeit – Gottes Lieb in Ewigkeit. Ich denke, dass wir diese Angst, wir könnten nichts wert sein, und das entsprechende Versteckspiel kennen und immer wieder auch praktizieren.

Eben weil wir Gottesdienst feiern, wollen wir aber nicht bei uns und unseren Tun stehen bleiben. Es steht immer wieder an zu fragen, wie Gottes Liebe bei uns zum Tragen kommt. Jesus zeigte uns, dass Gott uns immer wieder mit Liebe und Angenommen werden anblickt. Denken wir an den verlorenen Sohn in dem Gleichnis, an den Oberzöllner Zachäus oder die Frau, die wegen Ehebruch gesteinigt werden sollte. Er vergab ihnen das, was sie falsch gemacht hatten, und eröffnete ihnen eine zweite Chance. Auch wir sind und bleiben seine geliebten Kinder. Er legt uns nicht fest auf das, was wir getan haben. Das macht unseren Wert vor Gott aus. Denn wir sind mehr als die Summe unserer Taten und Gedanken.

Wie reden wir von Gottes Liebe? Ich komme noch einmal darauf zurück, dass ich in den Ruhestand versetzt worden bin. In kirchlichen Verlautbarungen wird zu Recht darauf hingewiesen, dass die Erwerbsarbeit nicht den Wert des Menschen ausmachen kann. Doch auch in der Kirche zählen die Hauptamtlichen mehr als die Ehrenamtlichen. Wie ehrlich sind wir?

Wie reden wir von Gottes Liebe? Ist sie nur ein schönes Gefühl in unserem Inneren? Geht es uns nur um unser persönliches Seelenheil und den Kreis der Schwestern und Brüder im Glauben oder haben wir ein offenes Verständnis? Meinen wir auch das menschliche Miteinander, wenn wir von Gottes Liebe sprechen? Natürlich sind Gottes Liebe zu uns und unsere Liebe zum Mitmenschen nicht das gleiche, beide stehen aber in Beziehung zueinander. Der Apostel Johannes schreibt „Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, der kann nicht Gott lieben, den er nicht sieht.“ (1.Joh.4,20) Jesus sagt: „Das was ihr einem dieser meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ (Matt.25,40)

Reden wir von Gott nur an den Rändern des Lebens, da wo wir mit unserem Latein am Ende sind und unsere Mitmenschen ihrer Sündhaftigkeit überführen wollen? Oder reden wir vor allem in der Mitte des Lebens von ihm, so dass unser Alltag dabei vorkommt und sich eine bessere, weil menschlichere Perspektive ergibt? Kommt die Fülle des Lebens dabei vor, wird dabei niemand ausgegrenzt oder diffamiert, nur weil er anders und für uns unbequem lebt oder weil er krank ist? Alles hat seine Zeit. Die hiesige Kreissparkasse macht Werbung mit Sprüchen wie „Einfach ist bequem.“ Können Einfachheit und Bequemlichkeit unsere Maßstäbe sein?

„Schon früher fand ich, dass eine Religion keinen Wert hat, wenn sie nicht die Gesellschaft umändert…Möge die Zeit kommen, in der es gelingt, die Gesellschaft anders zu ordnen, wo nicht mehr das Geld, sondern das Leben der Menschen die Hauptsache ist.“ Die letzten beiden Sätze stammten von Christoph Blumhardt, der als Pfarrer und Sozialdemokrat in Bad Boll wirkte und 1919 starb. Das hat sich auch nach 100 Jahren leider nicht erfüllt. Sicher können wir nicht ohne Geld leben. Aber die Bedeutung von Geld und Wohlstand steigen immer mehr. Wir behandeln unsere Mitmenschen wie Waren, die man kaufen und verkaufen kann. Wer nicht ein dickes Auto vor dem eigenen Haus zu stehen hat, zählt schon gar nicht. Das ist aber nicht der Maßstab Jesu. Jesus sagte in der Bergpredigt: „Denn wenn ihr nur die liebt, die euch auch lieben, was werdet ihr für Lohn haben? Tun nicht dasselbe auch die Zöllner?“ (Matt. 5,46) Wenn uns etwas wichtig ist, dann setzen wir auch persönlich dafür etwas ein, sei es an Einsatz oder Anfeindung. Wenn wir nichts dafür einsetzen, kann es ja uns nicht viel bedeutet haben

Wir haben auch in unserer Kirche nicht das Personal und das Geld, an jedem Sonntag in jeder Gemeinde Gottesdienst zu feiern. Doch wir sollten dabei zweierlei bedenken. Erstens werden wir auf Dauer nur die Veranstaltungen am Leben erhalten können, die auch angemessen besucht werden. Damit dass wir die Anzahl unserer Gottesdienste reduzieren, sägen wir auch an dem Ast, auf dem wir selber sitzen. Der Anspruch, den Gottesdienst regelmäßig zu besuchen, wird dadurch untergraben. Zudem kann es passieren, dass nichtchristliche Gruppen unserer Gesellschaft den Schutz des Sonntags in Frage stellen.

Alles hat seine Zeit – die unspektakuläre Reaktion auf den Abgas-Skandal bei VW zeigt doch auch, dass der Umweltschutz für die meisten nicht wirklich wichtig ist. Doch werden wir unseren Enkeln und Urenkeln nur eine lebenswerte Umwelt hinterlassen, wenn wir unsere rücksichtslose Zerstörung von Landschaften und Lebewesen zugunsten unseres Wohlstands drastisch verringern. Zu unserem Auftrag als Menschen und Christen gehört es auch, die Schöpfung zu bebauen und zu bewahren.

Ich schließe mit einer Begebenheit, die der Dichter Peter Bichsel beschrieb. Am Hofe des Königs gab es viele starke und gescheite Leute. Der König war der König, die Frauen waren schön, der Pfarrer war fromm – nur Colombin war nichts. Wenn jemand mit Colombin kämpfen wollte, sagte der: „Ich bin schwächer als du.“ Wenn ihm jemand eine Frage stellte, sagte er „Ich bin dümmer als du.“ Wenn jemand ihn zum Sprung über den Bach aufforderte, sagte Colombin: „Ich getraue mich nicht.“ Wenn der König ihn fragte“ Was willst du werden?“ Dann sagte Colombin: „Ich will nichts werden. Ich schon etwas. Ich bin Colombin.“

Amen

Artikel aus der Geislinger Zeitung

Verabschiedung

 

Alles hat seine Zeit

 

Pfarrer Dr. Karl-Heinz Drescher-Pfeiffer verabschiedet sich in den Ruhestand

 

Pfarrer Dr. Karl-Heinz Drescher-Pfeiffer geht in Ruhestand. In

Bad Überkingen verabschiedete er sich gestern Morgen

von seiner Gemeinde.

 

Volle Bänke in der evangelischen Sankt-Gallus-Kirche in Bad Überkingen. Drescher-Pfeiffer verabschiedet sich als Mann des Wortes, den festlichen Gottesdienst zelebriert er ein letztes Mal. In seiner Heimatstadt Berlin wird der künftige Ruheständler wohnen.

Eine Wohnung in Geislingen lässt aber künftig Besuche im Filstal zu.

 

Das selbstgewählte Motto des Abschiedsgottesdienstes entnahm der Pfarrer aus der Weisheitsliteratur des Alten Testaments. Seine eigenen Grußworte orientierten sich ebenfalls daran. „Zeit, das ist ein Modus an Möglichkeiten, der signalisieren kann, dass man jetzt mal selber dran ist“, erklärte er der Gemeinde. Ambivalente

Gefühle begleiten den Pfarrer derzeit noch. Nicht mehr arbeiten zu

müssen und nicht mehr arbeiten zu dürfen, das beschäftigt ihn. Sein Bedauern darüber, bald nicht mehr Pfarrer zu sein, drückte er offen aus. Die Regularien der evangelischen Kirche sehen ein Ausscheiden mit 65 Jahren vor. Sich in der Rolle des Ehrenamtlichen zu sehen, fällt ihm derzeit noch schwer. Gleichzeitig

sieht er seinen Wert vor Gott und geht seinen Weg mit vielen guten

Wünschen seiner Pfarrerskollegen aus dem Dekanat, von der bürgerlichen Gemeinde, dem Kirchenchor, dem Kirchengemeinderat und vielen mehr. Sechs Jahre war Drescher-Pfeiffer als Geistlicher in Bad Überkingen tätig, im September 2009 hatte er dort seinen Dienst angetreten. Sein Credo war stets ein Zitat von Dietrich Bonhoeffer: „Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist.“ In diesem Sinne, so wurde bei diesem Abschied von vielen bestätigt,

befand er sich in seiner 40-jährigen Amtszeit ganz auf der Seite der

Armen und Bedürftigen. Bad Überkingens Bürgermeister Matthias Heim bescheinigte Drescher-Pfeiffer eine gelebte Bürgernähe.

Mittendrin war er als Posaunist in der Musikabteilung des TSV

genauso wie beim Straßenfest und sonstigen Festlichkeiten in der Gemeinde. Kindern und Senioren widmete er sich besonders gerne. „Die Vesperkirche in Geislingen war dir wichtig“, hieß es im Liedtext seiner Pfarrerskollegen. Das Pfarrhaus ist geräumt. Ab 1. Mai wird Pfarrerin Helga Steible-Elsässer die Nachfolge antreten. Ihr Ehemann, der Geislinger Dekan Martin Elsässer, bezeichnete Drescher-Pfeiffer als immer präsent, mit Motivation und Einmischung. Sein ehrliches Lachen und seinen Humor schätze nicht nur er.

 

Bei einem Stehempfang im Gemeindehaus wurden anschließend

zahlreiche Dankesworte gesprochen. „Ich bin jetzt doch etwas erschlagen“, sagte Drescher-Pfeiffer danach. Sein herzliches Lachen ertönte noch oft an diesem Nachmittag. Mit Beatles-Titeln verabschiedeten ihn seine Kollegen aus der Musikabteilung des TSV, in der er sonst die Posaune spielte. Tiefgründig, wie viele Worte zuvor, drückten die Songs „Let it be“, „Yesterday“ und

„When I’m sixtyfour“ das aus, was die Menschen ihm wünschen. Und selbst für spitze Bemerkungen bedankte er sich bei seinen Laudatoren. „Wer austeilt, muss auch einstecken können“, sagte er lachend.

 

Patricia Jeanette Moser

Geislinger Zeitung vom 8. Februar 2016